Vivawest Halbmarathon 2019 – Wärme, Höhenmeter & Knieschmerzen

Am 19.05.2019 lud das Ruhrgebiet zum 7. Mal in Folge zum Vivawest Marathon. Nach meinen zwei ersten beiden Halbmarathons im Jahr wollte ich auf den nächsten nicht noch bis Mitte Juni warten und meldete mich somit kurzfristig für den Halbmarathon durch’s Ruhrgebiet mit Start und Ziel in Gelsenkirchen an.

MEINE VORBEREITUNG

Wie schon für die ersten beiden Halbmarathon-Läufe in diesem Jahr (dem Venloop und dem Berlin Halbmarathon) hatte ich mich nicht konkret auf den Lauf vorbereitet. Nach Berlin Anfang April machte mir, vermutlich durch das schnelle Steigern der Laufumfänge, erst einmal mein Knie einen Strich durch weitere längere Läufe und kurz darauf stand dann auch schon meine letzte Operation an, was wieder knappe 10 Tage Laufpause bedeutete.

So kam es, dass ich erst Anfang Mai wieder ins Training startete und nach wie vor ziemlich vorsichtig sein musste, was ich meinem Knie antun konnte und was nicht. Also gab es erst einmal keine langen Läufe für mich und für die etwas längeren Ausdauereinheiten eben eine Kombi aus einem Lauf bis zu 10 km und einer Schwimmeinheit. Eine Woche vor dem geplanten Start beim Vivawest Halbmarathon wurde ich dann aber doch etwas ungeduldig und testete mich an die 18 km heran. Allerdings unter gelenkschonenderen Voraussetzungen, im Wald und mit etwas stärker gedämpften Schuhen als meine aktuellen Lieblingsschuhe für die Halbmarathon-Distanz. Das Knie machte trotz einiger knieunfreundlicher Höhenmeter überraschend gut mit.

Also war mein Start in Gelsenkirchen gesetzt, denn aussteigen könnte ich bei zu starken Knieproblemen immer noch. Und auch wenn ich Läufe auf Asphalt in den vergangenen Wochen gemieden hatte, so hoffte ich, dass mir das Knie auf einer Strecke ohne viele Höhenmeter oder Treppen etwas wohlgesonner sein sollte. Ob ich damit Recht behalten sollte?

DER TAG DAVOR

Der Tag vor dem Halbmarathon startete sehr schwerfällig. Ich verspürte schon seit Tagen eine bleiernde Müdigkeit und hatte etwas Sorge mich bei meiner erkälteten Physiotherapeutin angesteckt zu haben. Somit wusste ich auch nicht so recht, ob ich meinen traditionellen Shake-Out-Run überhaupt antreten sollte oder mich besser für den darauffolgenden Tag ausruhen sollte.

Aber zwei Tage ohne Laufen vor einem Halbmarathon machen mich dann doch etwas nervös. Man könnte es ja verlernt haben. Also bin ich am späten Nachmittag dann doch noch los und habe eine schnelle 5 km-Runde gedreht. Also weniger Beine ausschütteln, dafür mehr Tempo. Ich werde es wohl nie lernen, ähnlich wie das zu schnelle Loslaufen beim Wettkampf.

Nach dem Lauf fühlte ich mich aber wieder fit wie ein Turnschuh und musste mich nach der traditionellen Pre-Race-Pizza regelrecht zwingen, einigermaßen früh ins Bett zu gehen.

RACEDAY – GLÜCK AUF!

Der Sonntag startete für mich in aller Herrgottsfrühe. Um 6 Uhr klingelte der Wecker und nach einem kurzen Frühstück ging es los in Richtung Pott. Wir parkten wie vom Veranstalter vorgeschlagen an der Veltins-Arena und fuhren mit der Straßenbahn ins Zentrum von Gelsenkirchen, was auch wunderbar klappte.
Dort angekommen war schon einiges los, allerdings in einem recht angenehmen Ausmaß, denn 9.000 Läufer verteilt auf Marathon, Halbmarathon und 10 km-Lauf sind eine doch sehr viel überschaubarere Anzahl an Startern als noch bei meinem letzten Lauf in Berlin. Ich holte ohne nennenswerte Wartezeit meine Startnummer ab und es blieb noch genug Zeit für ein kurzes Anfeuern beim Marathon-Start, zwei kurze Dixie-Besuche und entspanntes Sortieren von Startnummer und Verpflegung.

Um 10:30 Uhr fiel der Startschuss und die Halbmarathonis stieben los auf die Strecke durch’s Ruhrrevier. Ich lief traditionell zu schnell los, so dass ich auf den ersten drei Kilometern eine Pace von deutlich unter 6 Minuten/Kilometer auf der Uhr hatte.

Kurz zur Einordnung, mein Ziel war es bei gutem Gelingen meine Bestzeit aus Berlin zu knacken und endlich unter 2:10 Stunden ins Ziel zu kommen. Auch wenn ich bereits im Vorfeld wusste, dass das vermutlich nicht an diesem Tag passieren sollte, wollte ich mit einer Pace von 6:10 Minuten/Kilometer anlaufen und dann auf den letzten Kilometern das Tempo noch etwas anziehen. So viel zur Theorie!

Ab Kilometer 4 konnte ich mich ein bisschen bremsen, was aber auch den kontinuierlich leichten Anstiegen zuzuschreiben war. Irgendwie hatte ich relativ schnell das Gefühl, dass es die ganze Zeit nur hoch oder runter ging. Natürlich mehr hoch, so wie man auch immer nur Gegenwind und nie Rückenwind hat. Von der Kondition her, waren die Anstiege kein Problem. Aber ich merkte schon früh, dass mein Knie dieses Auf und Ab auf dem Asphalt-Untergrund nicht so schön fand.

Ich lief erst einmal weiter und nahm jeden noch so kleinen Schattenfleck mit, denn die Sonne knallte mittlerweile schon vom Himmel und in meiner Kompressionsstrumpfhose plus Laufhose darüber sowie meinem Kompressionsoberteil mit langen Ärmeln war es mittlerweile doch muckelig warm geworden.

Ab Kilometer 7 meldete sich das Knie immer lauter und ich musste etwas ruhiger und kontrollierter laufen, was aber auch weniger Tempo bedeutete. Ich pendelte mich bei einer Pace um die 6:30 Minuten/Kilometer ein und lief so erst mal ganz gut weiter.

Ab Kilometer 11 begann das Runterzählen im Kopf. Ich musste weiter das Tempo drosseln und bei jedem Kilometerschild, welches ich passierte, machte ich gedanklich drei Kreuze. Wieder einen Kilometer geschafft! Denn so ein beleidigtes Knie ist unberechenbar und kann einen von jetzt auf gleich aus dem Lauf katapultieren.
Wir liefen durch ein paar Wohngebiete und zur Freude aller hatten einige Anwohner ihre Gartenbewässerung mobilisiert und zur Läuferdusche umfunktioniert. Ab da gab es auch an den Verpflegungsstellen Duschen, an denen man sich im Vorbeilaufen kurz abkühlen konnte. Und tatsächlich war das mittlerweile auch mehr als nötig.

Ab Kilometer 16 war mir klar, wenn ich jetzt einmal stehen bleibe oder kurz gehe, dann bekomme ich mein Knie heute nicht mehr zum Laufen. Also trotz tiefsten Wunsch nach einer kurzen Gehpause an der Verpflegungsstation blieb ich dran, auch wenn die Pace nun schon Richtung 7 Minuten/Kilometer ging und dennoch verstummte die Knieregion nicht vollkommen, sondern rebellierte unterschwellig.
Kilometer um Kilometer kämpfte ich mich weiter in Richtung Ziel. Auf dem vorletzten Kilometer erwartete uns noch einmal ein Berg, den ich gefühlt nur so hinaufkroch. In den Aufzeichnungen meiner Laufuhr sieht es geschwindigkeitstechnisch im Nachhinein übrigens ein bisschen weniger dramatisch aus, als es mir in diesem Moment vorkam. Aber mir wurde klar, dass ich es schaffen und mir in wenigen hundert Metern die langersehnte Medaille sichern würde. Und so ging es in gefühltem Schneckentempo mit einem kleinen angedeutetem Schlusssprint durch’s Ziel.

Hinter der Ziellinie kam ich langsam ins Gehen, das Knie witterte sofort seine Chance und macht vollständig zu, so dass ich nur noch zur Medaillenausgabe hinken konnte. Meine Zielzeit war mir völlig egal, an diesem Tag zählte schon das bloße Ankommen für mich als persönlicher Sieg. Dennoch bin ich mit einer Zeit von 2:18:20 für den heutigen Lauf mehr als zufrieden und hätte mit einer deutlich schlechteren Zeit gerechnet.

MEIN FAZIT

Nach zwei wunderbaren ersten Halbmarathons in diesem Jahr mit neuen Bestzeiten, so war dieser Lauf pures Mentaltraining.
Die Profilierung der Strecke wurde im Nachhinein von vielen Läufern für einen Städtelauf als anspruchsvoll empfunden. Und auch ich hatte während des gesamten Laufs permanent das Gefühl, bergauf oder bergab zu laufen. Im Endeffekt hatte ich gut 170 Höhenmeter auf der Uhr, was in Summe dann doch deutlich von meiner ursprünglichen Erwartung eines flachen City-(Halb-)Marathons abwich.
Dazu waren die Temperaturen mit an die 25 Grad und Sonne doch sehr sommerlich. Nach den vergangenen kühleren Wochen ist so ein erster Hitzelauf immer eine Herausforderung für den Körper und genau das durfte ich dank Kompressionskleidung für Arme und Beine heute mit doppelter Wucht zu spüren bekommen. Auch wenn ich bei jeder Verpflegungsstation einen Wasserbecher für das Befeuchten meiner Armkompression nutzte, so war ich schlicht und ergreifend zu warm angezogen.

Was die Strecke angeht, so war ich doch überrascht, wie grün das Ruhrgebiet ist. Lange Streckenabschnitte führten uns durch einem Erholungsgebiet anmutende Gegenden. Darüber hinaus ist der Abschnitt über das Gelände des Zeche Zollvereins natürlich absolut beeindruckend.

Die Stimmung an der Strecke war aber durchaus ausbaufähig. Viele Abschnitte waren vollkommen menschenleer und auch wenn sich vereinzelte Anwohnergrüppchen in den Wohngebieten größte Mühe gaben, so kommt der Lauf stimmungsmäßig nicht annähernd an Venlo oder Köln heran. Dennoch musste ich als Nicht-Ortsansässiger doch gelegentlich sehr schmunzeln, wenn absolute Ruhrpott-Stereotypen vom Streckenrand gröhlen oder aus ihrem Fenster gelehnt dem Treiben auf der Strecke zuschauen.

Hinsichtlich der Organisation des Vivawest-(Halb-)Marathons kann ich nichts Negatives sagen. Es hat alles gut funktioniert und dank der Veranstaltungsgröße gab es auch keine nennenswerten Wartezeiten, die die Laune hätten trüben können. Einzig und allein die Startgebühren fand ich etwas hoch. Die ersten Staffelungen sind mit 26-39 Euro noch moderat bis verkraftbar. Für Kurzentschlossene kostet der Halbmarathon-Startplatz ab April aber bereits 49 Euro, was mir dann doch zu teuer war. Ich habe glücklicherweise einen Startplatz übernehmen können, was vom Veranstalter auch sehr unkompliziert möglich gemacht wurde. Auch konnte man heute noch spontan zwischen den Distanzen wechseln. Und solche Annehmlichkeiten sind heutzutage ja leider auch keine Selbstverständlichkeit mehr.

Meinem Knie geht es ein paar Stunden nach dem Lauf übrigens schon wieder deutlich besser und die Erfahrung hat bislang gezeigt, dass nach einem Tag Pause die Welt schon wieder deutlich besser aussieht.

Dennoch möchte ich an dieser Stelle noch einmal darauf hinweisen, dass man bei nicht zuordenbaren Beschwerden einen Halbmarathon oder jede andere Distanz nicht zu Ende laufen sollte. Denn kein Wettkampf ist es wert langfristige, ernsthafte gesundheitliche Probleme nach sich zu ziehen. In meinem Fall kannte ich die Beschwerden und wusste ganz genau, an welcher Stelle ich das Rennen hätte beenden müssen. Heute lief es aber noch relativ gut, auch wenn dieser Zustand für einen Wettkampf mit leisen Bestzeitambitionen natürlich nicht wünschenswert ist. Ich konnte die gesamte Distanz durchlaufen, wenn auch hinten raus mit deutlich reduziertem Tempo, was aber in Ordnung ist.
Dennoch steht übernächste Woche mein langersehnter Termin beim Orthopäden an, um die Beschwerden abchecken zu lassen.
Aus meiner Marathonvorbereitung kenne ich die Problematik noch zu gut und auch wenn mein Arzt mir damals nur die Ratschläge mehr Dehnen, mehr Krafttraining und in meinem besonderen Fall bedingt durch eine leichte Überbeweglichkeit mehr Tapen mit auf den Weg geben konnte, so bleibe ich weiter dran.

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