Venloop 2019 – Atemlooos zur neuen Bestzeit

Am 31.03.2019 verschlug es wieder Scharen von niederländischen und deutschen Laufbegeisterten in das kleine Städtchen Venlo, direkt hinter der holländischen Grenze. Dort findet jedes Jahr zum Frühlingsanfang der sagenumwobene Venloop statt. In den letzten Jahren habe ich schon viel Gutes von dem Lauf gehört, so dass mir klar war, das möchte ich auch einmal miterleben!
Die Anmeldung startet jedes Jahr am 1. August um Mitternacht und innerhalb weniger Stunden ist das Spektakel – zumindest der Halbmarathon – ausgebucht. Als ich dann also im letzten Jahr am Abend des 31. Julis etwas länger wach lag und plötzlich meine Erinnerung auf dem Handy aufploppte, zögerte ich keine Sekunde und sicherte mir schnell meinen Startplatz für dieses Jahr.

MEINE VORBEREITUNG

Meine Vorbereitung auf den Lauf verlief alles andere als optimal. Nachdem ich das Jahr 2018 mit einer 2 1/2-monatigen Laufpause dank einer Plantarfasciitis beenden durfte und erst zum Jahreswechsel wieder langsam mit dem Laufen starten konnte, folgten Anfang diesen Jahres direkt wieder zwei Laufpausen aufgrund meiner ersten beiden Lipödem-Operationen. Anfang Januar ging es den Unterschenkeln an den Kragen und Ende Februar folgten die Oberschenkel. Auch wenn ich die Operationen sehr gut wegsteckte und nach jeweils 2 1/2 Wochen wieder ins Lauftraining starten konnte, so waren meine Laufumfänge doch noch sehr bescheiden und vor allem waren es alles qualitativ “schlechte” Trainingseinheiten – sogenannte “Junk”-Miles. Kein Fahrtspiel, kein Intervalltraining, keine langsamen langen Läufe. Nur Laufen des Laufens wegen, so schnell wie mich meine “neuen” Beine tragen konnten. Allerdings zu langsam um Tempohärte zu trainieren und zu schnell um meine Grundlagenausdauer zu stärken. Aber all das war mir erst einmal egal! Jetzt hieß es erst einmal dieses neue, unbeschwerte Laufgefühl und die Freude über die mit jedem Lauf schneller werdende Pace voll auszukosten. So lief ich eine Woche vor dem Halbmarathon zumindest einmal 15 Kilometer, um mich wenigstens ein bisschen für die Distanz vorbereitet zu fühlen. Nachdem ich den Lauf mit einer neuen Bestzeit über die Strecke beendete, fühlte ich mich zwar bereit für Venlo, aber war mehr als unsicher welche Zielzeit ich anvisieren konnte bzw. sollte.

DER TAG DAVOR

Wie schon die Vorbereitung, ging ich auch den Tag vor dem Halbmarathon etwas unkonventioneller an. Vormittags einen kurzen Shake-Out-Run von etwa 5 Kilometern, bei dem ich wieder einmal alles gab, was in den Beinen steckte. Und so kam es, dass ich – entgegen aller trainingswissenschaftlicher Gesichtspunkte eines kurzen Lockerungslaufs vor der tatsächlichen Belastung – nach meiner Laufrunde schwer atmend zu Hause ankam und wieder einmal eine neue Bestzeit auf meiner Laufuhr stoppen durfte.

Nachmittags ging es dann noch auf einen ausgedehnten Spaziergang, denn der Frühling hatte an dem Tag spontan Einzug gehalten und das musste schließlich genutzt werden. Aber gut, Beine schonen sieht anders aus. Wenigstens beim Carboloading am Abend vor dem Halbmarathon blieb ich mir treu. Es gab eine große Pizza, die mich am nächsten Tag zumindest sicher bis zu Kilometer 15 bringen sollte.

RACEDAY – HOP, HOP, IN GALOP DOOR VENLO

Der Wettkampftag startete sehr zäh. Nachdem Unterleibsschmerzen meine Nachtruhe für etwa anderthalb Stunden unterbrochen hatten und mir durch die Zeitumstellung noch eine weitere Stunde Schlaf geraubt wurde, war ich ziemlich gerädert und konnte mir in keinster Weise vorstellen ein paar Stunden später einen Halbmarathon zu laufen. Nach dem Frühstück sah die Welt aber schon wieder ganz anders aus, danach wurden schnell alle sieben Sachen zusammengesucht und um 10 Uhr ging es los in Richtung holländischer Grenze. In Venlo angekommen gab es zwei Parkplätze, von denen aus Shuttlebusse die Läufer und ihre Begleiter ins Zentrum brachten. Nach kurzer Wartezeit fanden wir Platz in einem der Busse, die mit Discolicht und Partymusik ausgestattet die Menge schon einmal auf das bevorstehende Spektakel vorbereiteten.

Am Start angekommen, musste ich kurz am Troubledesk vorsprechen, da meine Startnummer nicht wie geplant per Post angekommen war. Aber mir wurde schnell und unkompliziert mit einer Ersatzstartnummer ausgeholfen und somit war ich früher als gedacht startbereit, so dass noch genug Zeit blieb, um den Startbereich zu inspizieren und einen kurzen Abstecher zum Zieleinlauf der 10 km-Läufer zu machen.

Um 14 Uhr fiel der Startschuss für 10.000 Halbmarathon-Läufer. Voller Vorfreude lief ich über die Startlinie. Der erste Kilometer raste vorbei, was vermutlich auch an meiner viel zu schnellen Pace lag. Ich versuchte mich zu zügeln und einen guten Rhythmus zu finden, da ging es schon durch die Fußgängerzone mit lauter Musik, jubelnden und feiernden Menschenmassen am Streckenrand und Freudenpuls von 180. Kurz vor dem zweiten Kilometerschild traf ich auf eine meiner Mitbotschafterinnen des EVL Halbmarathons und wir liefen zusammen weiter, was mir half insbesondere in den Abschnitten mit antreibender Musik und tobendem Publikum mein Tempo etwas zu zügeln. Das Wetter bewies mal wieder, dass Gott ein Läufer ist, denn entgegen aller Wettervorhersagen schien die Sonne mit voller Kraft vom Himmel und ich war mehr als froh, mich kurzfristig doch noch für das T-Shirt als das Kleidungsstück meiner Wahl entschieden zu haben. Immer wieder liefen wir an Zuschauern vorbei, die mit Getränken, Snacks, Musik und Tröten ihren eigenen Cheering-Point aufgebaut hatten. Anwohner jubelten uns von ihren Balkonen zu. Kinder streckten ihre Hände aus, um mit den Läufern abzuklatschen.

Kurz hinter Kilometer 5 kam die erste Verpflegungsstation und dort war es dann auch schon vorbei mit dem Laufen in trauter Zweisamkeit, da ich meine Mitläuferin im Getümmel um Wasserbecher und Iso-Drinks verlor. Nun ging es also alleine weiter in Richtung Ziellinie. Ich prüfte in regelmäßigen Abständen meine Geschwindigkeit. Ich war für meine bisherigen Verhältnisse viel zu schnell unterwegs, aber die Beine jagten jauchzend voran und der Rest von mir hinterher. Ich fühlte mich gut, warum also Tempo rausnehmen?!

Die Cheering-Points wurden immer verrückter. Trashige Technorhythmen, holländische Schlager und sogar kölsche Karnevalslieder. Jubelnde Menschenmengen, applaudierende Riesen-Schaumstoffhände, Tröten, Luftballons, Konfetti, Fähnchen,… alles war dabei.

Mit jedem Epizentrum der guten Laune wurde ich schneller, mein Puls ging mit den mitreißenden Beats nach oben und ich kam aus dem Strahlen gar nicht mehr heraus. Was für ein wahnsinniges Erlebnis!

Ab Kilometer 11 fing ich an im Kopf die verbleibenden Kilometer herunterzuzählen. Der Wind, der anfänglich eher von hinten oder von der Seite gekommen war, schlug uns nun immer häufiger mit voller Kraft von vorne entgegen. Aber meine Laune konnte an diesem Tag nichts mehr trüben. Die Kilometer flogen weiter nur so an mir vorbei und bis auf einen Abschnitt bei Kilometer 13/14, wo wir entlang an der Maas ein wenig mehr gegen den Wind kämpfen mussten und sich dazu noch die Steigung hinauf auf eine der Maas-Brücken ein wenig zog, lief es weiterhin locker flockig. Auch wenn die Beine langsam etwas müder wurden, konnte ich die Pace dennoch hoch halten und wurde nur minimal langsamer.

Bei Kilometer 15 ertönte hinter mir im lauten Singsang “Coooorduuuula Grüüüün”. Ein weiterer Mitbotschafter mit EVL-Shirt hatte mich eingeholt. Nach einem kurzen Austausch mussten wir uns dann aber auf die nahende Verpflegungsstation vorbereiten. Schnell ein Gel für die Energie auf den letzten Kilometern verputzt, Wasser hinterher und weiter ging es.

Bei Kilometer 19 ging es wieder über eine der Maas-Brücken zurück ins Zentrum. Am Ende der Brücke stand das 20-Kilometer-Schild und ich dachte mir, “Nur noch 1 Kilometer und ein paar Zerquetschte, da gibste jetzt noch mal Gas!”. Gedacht, getan. Ich nahm meine mittlerweile doch müde gewordenen Beine in die Hand und jagte weiter Richtung Ziel. Die Zuschauer am Streckenrand wurden immer zahlreicher je näher wir dem Ziel kamen. Es ging wieder in die Fussgängerzone und die Stimmung war einfach atemberaubend – oder auch “Atemloooos durch die Nacht…”. Die Menschenmassen hatten mittlerweile schon einige Stunden feiernd und trinkend am Streckenrand verbracht, was man aufgrund des Bierdunstes in der Luft unschwer erkennen konnte. Aber die Stimmung tobte und katapultierte uns Meter um Meter weiter zum Ziel. Irgendwann kam ein Schild “Nog 500 meters”. Puh, da war ich den letzten Kilometer vielleicht doch etwas zu schnell angegangen. Aber den letzten halben Kilometer sollte ich jetzt auch noch schaffen. Ich warf einen Blick auf meine Uhr und sah, dass da eine eindeutige Bestzeit drin war. Das nächste Schild “Nog 100 meters”, die Ziellinie, ich stoppte meine Uhr und bääääm… 2:12:43! Eine neue Bestzeit und direkt mal gute drei Minuten schneller als die alte von 2017 (2:15:27).

Im Ziel gab es die wohl verdiente Medaille, eine Banane, viel Wasser und danach – wie kann es in Holland anders sein – eine Portion Frietjes. Besser kann man einen gelungen Lauftag gar nicht abschließen!

MEIN FAZIT

Was für ein Lauf?! Auch zwei Tage später bin ich immer noch total geflasht von diesem Ereignis und kann es kaum erwarten 2020 wieder an den Start des Venloops zu gehen.

Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist ziemlich gut – insbesondere wenn man Startgebühren für so mache deutschen Halbmarathons kennt. Der Halbmarathon-Start kostete in diesem Jahr 23,50 € und dafür wurde einem einiges geboten.

Gute Organisation beim Parken, Shuttlebusse ohne Aufpreis für Läufer und Begleiter, hochwertige Toiletten-Anlagen (keine Dixies!!), Spinde für die Kleiderbeutel, Verpflegungsstellen mit Wasser und Iso-Getränken, Bananen, Wasser und Proteindrinks im Ziel, eine schicke Medaille und natürlich die weltbeste Stimmung an der Strecke.

Wem die Halbmarathon-Distanz zu lang ist, es gibt auch einen 5 km- und einen 10 km-Lauf sowie Bambini-Läufe für die Kleinen. Wobei ich aber zu Ohren bekommen habe, dass die Stimmung beim Halbmarathon, dem fulminanten Abschluss des Wochenendes, am besten sein soll.

Wie eingangs erwähnt, startet die Anmeldung jedes Jahr am 1. August um Mitternacht. Die Startplätze für den Halbmarathon sind im Normalfall binnen weniger Stunden ausverkauft, allerdings finden sich Anfang März in diversen Startplatzbörsen noch unzählige Möglichkeiten an eine Startnummer zu kommen, da im August noch hochmotivierte Anmelder mittlerweile an Motivation verloren haben oder aber körperliche Wehwehchen dazwischen gekommen sind. Wer laufen möchte, kommt im Normalfall also ohne große Probleme an einen Startplatz.

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