Laufen mit Lipödem

Laufen mit Lipödem? Für viele passt das nicht zusammen. Bei der Lipödem-Diagnose wird man meist von seinem Arzt auf die Sportarten Schwimmen und Aqua-Jogging oder Radfahren und Nordic-Walking verwiesen. Letztere allerdings nur, wenn es denn unbedingt Bewegung außerhalb des Wassers sein muss. Auch bei mir war das der Fall als mir meine Ärztin die Diagnose Lipödem verkündete. Auf die Frage hin, wie ich denn nun mit meinem Lauftraining weiter verfahren sollte, wurde ich erst einmal ungläubig angeschaut. Wie es denn mit meinem geplanten Herbstmarathon aussieht, habe ich mich danach ehrlich gesagt gar nicht mehr getraut zu fragen.

WEITERLAUFEN – JA ODER NEIN?

Ich bin die ganzen letzten Jahre trotz Lipödem gelaufen. Auch wenn es an der ein oder anderen Stelle vielleicht mühsamer war als für meine gesunden Mitläuferinnen (ohne, dass ich es wusste), so hat mein Laufpensum die Krankheit nicht sonderlich beeinflusst. Es hat sie nicht beseitigen können, was bei einer nicht heilbaren Krankheit nun mal nicht verwunderlich ist. Es hat aber auch keinen großartigen Schub ausgelöst, so dass sich das Krankheitsbild in den letzten Jahren deutlich verschlechtert hätte. Ich bin sogar eher davon überzeugt, dass das regelmäßige Laufen die Krankheit im Schach gehalten hat. Daher war mir schnell klar, ich werde weiterlaufen und sollte das Laufen vielleicht doch irgendwann nicht mehr allzu förderlich für die Krankheit sein, dann wird mir mein Körper das sicherlich selbst zeigen.

GUTE & SCHLECHTE TAGE

Aber wie läuft es sich eigentlich mit Lipödem? Für Nicht-Betroffene ist es schwer vorstellbar, wie sich das Laufen mit der Krankheit anfühlt. Daher wage ich hier mal einen Erklärungsversuch.

Wie bei allem im Leben gibt es auch beim Laufen mit Lipödem gute und schlechte Tage. Bei mir haben lange Zeit die guten Tage überwogen, aktuell sind es leider die schlechten welche Überhand nehmen. Aber ich hoffe, dass ganz bald wieder andere Zeiten kommen und ich wieder positiver durch die Weltgeschichte laufen kann.

An guten Tagen schmerzen die Beine beim Loslaufen entweder gar nicht oder das Schweregefühl und die Schmerzen lassen nach den ersten 500 bis 1.000 Metern nach, so dass man danach locker flockig durch die Gegend laufen kann. Locker flockig ist in diesem Fall natürlich relativ betrachtet, denn mit Lipödem kann es sich einfach nie so leicht laufen wie ohne die Krankheit. Ich bin in gewisser Weise froh nicht zu wissen, wie sich das Laufen mit gesunden Beinen anfühlt. Andernfalls würde ich wohl deprimiert in der Ecke sitzen und die Laufschuhe an den Nagel hängen. So aber fühle ich mich nach einem guten Lauf toll und bin stolz auf meine persönlichen Fortschritte, auch wenn sie gemessen an den vielen Trainingsstunden und -kilometern lächerlich klein erscheinen.

An schlechten Tagen hingegen schmerzen die Beine meist schon vor dem Lauf und sind unerträglich schwer, so dass ich schon im Vorfeld erahnen kann, dass der Lauf an diesem Tag eine einzige Quälerei werden wird. Aber, wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Und man kann sich ja auch irren, schließlich werden die Läufe mit den schlechtesten Voraussetzungen ja letztlich dann doch oft die besten. Also heißt es, Outfit richten, Laufschuhe schnüren und ab vor die Tür. Allerdings immer mit der Angst im Hinterkopf, was mich beim heutigen Lauf erwarten wird. Schlimmer noch ist es bei konkreten Trainingsplanvorgaben, denn dann quält mich dazu die Ungewissheit ob ich diese überhaupt erfüllen kann.

Das Gefühl beim Loslaufen ist meist noch nichtssagend, denn die ersten hundert Meter sind die Beine immer schwer. So geht es aber sicherlich auch gesunden Läuferbeinen, denn erst einmal muss man sich etwa 500 bis 1.000 Meter einlaufen und warm werden bevor es überhaupt rund laufen kann. An schlechten Tagen kehrt aber bei mir nach dem Warmlaufen keine Besserung ein und es geht so schwerfällig wie zu Beginn weiter. Nun ja, jetzt umdrehen und nur maximal zwei Kilometer auf der Uhr zu haben wäre blöd und die Klamotten dafür angeschwitzt zu haben mehr als unnötig. Also geht es weiter. Denn wie war das nochmal? Was dich nicht umbringt macht dich härter?

WELCHE EINSCHRÄNKUNGEN GIBT ES?

Schweregefühl & Druckschmerz

Es lässt sich leider nicht von der Hand weisen. Mit Lipödem läuft es sich eindeutig schwerfälliger als mit gesunden Beinen. Die Krankheit bremst einen buchstäblich aus, macht einen runden, leichten Laufstil fast unmöglich und erfragt daher eine gewisses Durchhaltevermögen um beim Laufsport am Ball zu bleiben.

All das ist nur logisch, denn zum einen hat man das krankhafte Fettgewebe, welches mitgeschleppt werden muss und zum anderen meist mit Flüssigkeitseinlagerungen zu kämpfen. Darüber hinaus plagen einen meist diffuse Schmerzen, welche man mit einem unangenehmen Schweregefühl und Druckschmerz aber auch mit Brennen oder Stechen annähernd zu beschreiben versucht. Alles zusammen führt an schlechten Tagen dazu, dass schon beim Gehen jeder Schritt eine Überwindung darstellt.

Fehlbelastungen & Gelenkfehlstellungen

Da es aufgrund des Lipödems häufig zu Fehlstellungen im Hüft- und Kniebereich kommen kann, sollte man dies bestmöglich mit seinem Orthopäden besprechen. Andernfalls kann ein falsch antrainierter Laufstil aufgrund dieser Fehlstellungen schnell zu Beschwerden und frühzeitigen Abnutzungserscheinungen in den Gelenken führen. Einlagen in den Laufschuhen können bei einem falschen Laufstil entgegenwirken. Im Optimalfall werden diese im Sanitätshaus basierend auf einer Lauf- oder Gangartanalyse angefertigt.

Übergewicht

Lipödem-Patientinnen neigen aus diversen Gründen zu Übergewicht. Zum einen aufgrund der physischen Komponente des Lipödems, welche den Stoffwechsel negativ beeinflusst. Darüber hinaus macht das Lipödem das Bewegen deutlich schwerer und anstrengender bzw. je nach Stadium sogar fast unmöglich, was einen zu geringen Kalorienumsatz zur Folge hat. Aber auch die psychische Komponente darf nicht unterschätzt werden. Denn wenn körperliche Betätigung und diätische Ernährung bei den krankhaften Fettzellen an Beinen und Armen zu keinem Erfolg führen, so mündet dies nicht selten in Verzweiflung und Aussichtslosigkeit, welche nicht selten zu Gleichgültigkeit hinsichtlich eines ausgewogenen Lebensstils und somit langfristig zu einer Gewichtszunahme führt.

Selbstverständlich gilt für das Laufen mit Lipödem genau das gleiche wie für gesunde Menschen. Wer starkes Übergewicht hat, sollte auf Rücksicht auf seine Gelenke nicht unbedingt sofort mit dem Laufen beginnen, sondern erst einmal gelenkschonendere Sportarten austesten. Auf diese Weise kann man sich durch einen erhöhten Kalorienverbrauch seinem Normalgewicht annähern und dann später mit dem Laufen starten. Dann hat man auch länger Freude daran und riskiert keine Überlastungsbeschwerden.

WAS HILFT GEGEN DIE BESCHWERDEN BEIM LAUFEN?

Was kann man aber machen, um vorzubeugen, dass die schlechten Tage nicht Überhand nehmen. Da ich selbst noch relativ am Anfang stehe und mir das Lipödem erst seit wenigen Monaten vermehrt Probleme beim Laufen bereitet, kann ich noch keine eingefleischten Profitipps geben. Zu Beachten ist, dass keine Maßnahme die Beschwerden welche die Krankheit mit sich bringt wegzaubern kann. Egal, was man unternimmt, wir Lipödem-Patientinnen werden vermutlich nie beschwerdefrei und engelsgleich über den Asphalt fliegen.
Aber ein paar Dinge habe ich bereits ausgetestet um mir das Laufen zumindest so angenehm wie möglich zu gestalten.

Kompression

Laufen mit Kompression? Man hört und liest eigentlich überall, dass man die Kompressionsversorgung auch beim Sport tragen soll. Ich bin ehrlich, ich mache das nicht und werde davon auch in Zukunft Abstand nehmen. Zum einen habe ich sowohl von meinen Ärzten als auch vom Sanitätshaus grünes Licht bekommen, beim Sport auf die Kompression verzichten zu können. Beide sagen, dass durch die aktivierte Muskulatur die Kompression nicht unbedingt notwendig ist.

Davon abgesehen merke ich bereits im Alltag, dass sich die Kompression und meine Gelenke nicht unbedingt grün sind. Bei vermehrter Aktivität mit der Kompression fangen meine Fußgelenke und Knie an zu schmerzen. Zum einen, da die Kompression sie versucht in eine für meine Gelenke unnatürliche Richtung zu zwingen und zum anderen aber auch, weil jegliche Stützmuskulatur um die Gelenke nicht mehr volle Arbeit leisten muss und sich dadurch entspannt zurücklehnt. Ganz logisch, Muskulatur die nicht gefordert wird, macht sich schneller vom Acker als einem lieb ist. Daher wird ja auch schon bei Verstauchungen davon abgeraten unnötig lange stabilisierende Bandagen zu tragen, sondern lieber so früh wie möglich auf ein Kinesiotape auszuweichen, was das Gelenk zwar unterstützt aber dennoch die Muskulatur fordert.

Daher werde ich so lange es möglich ist, auf die Kompression beim Laufen bzw. beim Sport im Allgemeinen verzichten, um keine Verletzungen aufgrund einer zu schwachen Stützmuskulatur in meinen Beinen zu riskieren. An schlechten Tagen werde ich dahingehend vermehrt auf meine Kompressions-Sleeves/-Kniestrümpfe von CEP ausweichen, welche dem schmerzenden Gewebe an den Unterschenkeln zumindest etwas Gegendruck bietet.

Allerdings, sollte hier jeder die für sich beste Lösung finden und bestenfalls auch mit dem behandelnden Arzt absprechen. Denn einige Experten hingegen, dass man gerade beim Sport die Kompression nutzen sollte, um das Lymphsystem dabei zu unterstützen die Lymphflüssigkeit abzutransportieren um nicht Gefahr zu laufen, dass Flüssigkeit im Gewebe versackt und es im schlimmsten Fall zu Ödemen kommt.

Nahrungsergänzungsmittel

Es gibt einige Stimmen, welche sich für Steinklee Kapseln gegen die typischen Lipödem-Schmerzen aussprechen. Ich habe einen kurzen Versuch gewagt, aber keine Besserung bemerken können. Vielleicht hätte ich über einen längeren Zeitraum eine Verbesserung spüren können, habe dann lieber aber auf ein zusätzliches Supplement verzichtet.

Meine Physiotherapeutin rät mir zur regelmäßigen Einnahme von Magnesium gegen den Schmerzen. Da ich sowieso schon seit einigen Jahren regelmäßig Magnesium supplementiere, kann ich über die Wirksamkeit nicht viel sagen. Möglicherweise wären meine Schmerzen ohne das Magnesium deutlich stärker. Hier, so wie bei allen anderen Hausmittelchen, sei gesagt “Probieren geht über Studieren”. Denn jeder Körper ist anders und bei dem einen hilft’s vielleicht, bei dem anderen eben nicht.

Es gibt einige Verfechter von Kurkuma gegen Lipödem-Schmerzen. Ich habe das Wundermittel selbst noch nicht getestet. Aber da Kurkuma eine entzündungshemmende Wirkung hat und die aktuelle Forschung das Lipödem mittlerweile als eine Entzündung bezeichnet, kann an der viel prophezeiten Wirkung etwas dran sein. Auch hier gilt, wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Aber insbesondere kurz vor Operationen, wie den Liposuktionen bei Lipödem, sollte auf die Einnahme von Kurkuma verzichtet werden, da es blutverdünnend wirkt.

Kalte Duschen

An Tagen mit starken Schmerzen und gleichzeitigem Verlangen nach einer Laufrunde, versuche ich meine Beine vor dem Lauf kalt abzuduschen. Allerdings hilft diese Maßnahme nur für einen kurzen Zeitraum. Aber immerhin kann ich mir so zumindest die ersten Kilometer etwas angenehmer gestalten. Und das ist schon mal viel wert.

Hochlagern der Beine

Lipödem-Patientinnen kennen es zur Genüge. Das ständige Hochlagern der Beine. Und auch vor einem Lauf kann dies sehr angenehm sein, insbesondere wenn man den ganzen Tag auf den Beinen war und den Beinen vor dem Laufen eine kurze Pause gönnen möchte. Ich empfehle hierfür ein Venenkissen, was der Form der Unterschenkel angepasst ist und genau an den richtigen Stellen angenehmen Gegendruck bietet.

LAUFEN MIT LIPÖDEM – FÜR WEN GEEIGNET?

Aber ist Laufen für alle Lipödem-Patientinnen der geeignete Sport? So lange es Spaß macht und die Beschwerden nicht verschlimmert, auf jeden Fall! Es sollten keine Wunder erwartet werden. Die meisten Lipödem-Läuferinnen müssen hart trainieren, um (insbesondere Zeit-)Ziele zu erreichen, die für gesunde Läuferinnen mit deutlich geringerem Trainingsumfang erreicht werden können. Aber nichts ist unmöglich! Das zeigt zum einen, meine erfolgreicher Marathon-Finish im letzten Jahr oder die beeindruckende Geschichte einer Ultraläuferin mit Lipödem.

Generell gilt für Lipödem-Patientinnen genau das gleiche, wie für alle anderen, die mir regelmäßig ihr Leid klagen, dass das Laufen ihnen keinen Spaß mache. Auch wenn das Laufen eine vergleichsweise “einfache” Sportart ist, sollte man nichts erzwingen. Wenn einem der Sport auch nach der ersten, typischerweise anstrengenderen, Eingewöhnung keinen Spaß macht, dann sollte man lieber auf eine andere Sportart zurückgreifen. Es gibt so viele Möglichkeiten und nur wenn es Spaß macht bleibt man auch langfristig dabe

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2 Kommentare

  • Heiko 3. Dezember 2018 at 22:53 Reply

    Ich drücke Dir ganz kräftig die Daumen, das Du noch möglichst lange Freude am Laufen haben wirst und Dir damit die Krankheit möglichst weit vom Hals halten kannst.

    • laufcordi 4. Dezember 2018 at 8:56 Reply

      Hallo Heiko, vielen Dank für deinen Kommentar! Auch wenn das mit dem Laufen gegen die Krankheit in diesem Jahr nicht mehr ganz so gut klappt, werde ich mich nicht unterkriegen lassen. Liebe Grüße, Cordi

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